Ist Steam wirklich so toll?

Steam ist die größte und bekannteste Gamingplattform auf dem PC. Der zeitliche Vorsprung vor der Konkurrenz ist sicher ein Grund dafür, aber auch die Funktionen und Unternehmenspolitik. Ist Steam aber wirklich so toll?
Startseite des Steam Stores
Steam Shop / by Kernic
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Valve macht Dampf

Steam wurde von Valve aus der Idee geboren, besser Updates zu ihren Spielen verteilen zu können sowie ein zentrales Anti-Cheat System einzuführen. Recht schnell kam aber auch die Idee auf, damit eine Plattform schaffen zu können, über welche man Spiele auch kaufen kann. 2003 war es dann so weit, Steam wurde veröffentlicht und der Anti-Cheat Pflicht für alle Valve Multiplayerspiele. Begeistert zeigten sich die Gamer damals nicht. Persönlich erinnere ich mich, wie die Entrüstung durch die Spielergemeinschaft ging, als für das 2004 veröffentliche Half-Life 2 Steam eine zwingende Voraussetzung war. Datenkrake, Gängelung und Always-On wurden befürchtet. Letzteres wurde durch einen Offlinemodus entschärft, aber Steam auf dem PC und im Hintergrund aktiv war eine zwingende Voraussetzung. Gar nicht so geil, wenn man die Leistung der damaligen PCs bedenkt. (1)

Physisch oder digital?

Springen wir zwanzig Jahre weiter, also in die Gegenwart. Der Spielemarkt hat sich komplett gewandelt. Während auf den Konsolen die Deutschen noch 60 % aller Spiele im Jahr 2023 physisch gekauft haben, ist der Anteil auf dem PC hierzulande auf knapp 2 % gefallen. (2) Viele PCs heutzutage haben gar kein CD-, DVD- oder Blu-ray-Laufwerk mehr. Einerseits natürlich bei Notebooks, aber auch viele Gamer verzichten bewusst auf das Laufwerk. Nur Computer von der Stange sind oft noch damit ausgerüstet, wobei diese inzwischen auch immer öfter einem zusätzlichen Lüfter weichen.

Stand 2023 Anteil digital - PC: 98%, Konsolen: 40%, Gesamt: 60%
Abteil digitaler Spielkäufe für PC und Konsole 2013 - 2023 / by Game.de

Eine der Hauptursachen ist vermutlich, zumindest meiner persönlichen Meinung nach, Steam. Wie auf Konsolen erscheinen inzwischen fast alle Spiele für den PC auch oder ausschließlich digital. Dabei hat sich die Einstellung der Spieler in den 20 Jahren massiv geändert. Statt über Steam zu schimpfen, wird sich beschwert, wenn ein Spiel nicht auf Steam veröffentlicht wird.

Die Konkurrenz will nachziehen

Als den Publishern der Erfolg von Steam aufgefallen ist, wollten sie ihre Einnahmen natürlich nicht teilen und haben eigene Plattformen veröffentlicht: EA Games mit EA App, erst Origin, Ubisoft mit Ubisoft Connect, erst Uplay, Microsoft mit dem Xbox Game Store und natürlich Epic Games, die ihre Plattform Epic Games Store über kostenlose Spiele sowie Fortnite auf den Markt drücken will.

Wirklich Erfolg hatte keiner der Konkurrenten bisher. Einzig Epic bemüht sich weiter. Dabei haben sie wohl schon einige Milliarden verbrannt und sind bis heute bestenfalls auf einer schwarzen Null. (3) Sie investieren einen Teil ihrer Einnahmen aus Fortnite in das Verschenken von Spielen oder zeitliche Exklusivität von neuen Spielen auf ihrer Plattform. Metro Exodus oder Tony Hawks Pro Skater 1+2 fallen mir da spontan ein. Natürlich ist diese Exklusivität nicht beliebt bei den Spielern, auch bei mir nicht. Wir wollen unsere Spiele auf Steam. Das liegt einerseits natürlich daran, dass man möglichst alles an einem Ort will, aber eben auch an Steam selbst.

Es zeigt sich aber auch, dass trotz aller Konkurrenz die Beliebtheit von Steam nicht abreißt. Inzwischen sind fast alle Konkurrenten zurückgerudert, nachdem sie zeitweise ihre Spiele von Steam entfernt oder dort nicht veröffentlicht haben, und ihre Spiele erscheinen wieder auf Steam zusätzlich zu ihren Plattformen. Ubisoft-, EA Games- und Microsoft-Spiele findet ihr also wieder, zumindest teilweise, auf Steam. Einzig Epic scheint den Fokus auf ihrem Store noch beizubehalten, so wie sie es auch auf den mobilen Plattformen machen. Die 30 % Umsatzbeteiligung will man dort selbst einstreichen, übersieht aber den Mehrwert, den Steam den Spielern und damit am Ende auch den Entwicklern bietet. (4)

Die Vorteile von Steam

Steam hat sich über die Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Mit Bewertungen, Shopfiltern, Achievements, Steam Workshop (quasi DLCs) und den Communityfunktionen bietet die Plattform viel Mehrwert für die Spieler, die größtenteils auf anderen Plattformen fehlen. Dazu unterstützt Valve einen freien Ansatz. Sie machen Steam nicht nur auf MacOS und Linux verfügbar, sondern arbeiten aktiv mit der Linux-Gemeinschaft daran, Gaming auf Linux zu ermöglichen und zu verbessern. Aktiv soweit, dass sie Millionen investiert haben und mit Proton eine große Anzahl von Spielen problemlos zum Laufen gebracht haben. Nicht immer perfekt, manchmal sogar besser als auf Windows. Nur Multiplayerspiele mit Anti-Cheat-Schutz sind oft nicht lauffähig, da die dafür benötigten Funktionen in Linux aus Sicherheitsgründen einfach nicht existieren.

Eine Liste stark reduzierter Spiele auf Steam, zwischen 90-95%
Aktueller Steam Spring Sale / by Kernic

Gegenüber physischen Medien und den Digitalstores auf Konsolen bietet Valve noch ein weiteres Verkaufsargument: Die Steam Sales. Regelmäßig finden auf Steam kleinere und größere Sales statt. Sicher die größten sind der Sommer- und der Winter-Sale. Dabei sind Spiele teilweise bis zu 90 % reduziert. Valve geht hier aber nicht den Weg von Epic Games und finanziert die Rabatte aktiv, sondern sie ermutigt die Publisher zu den Rabatten. Da sie einen festen Anteil von 30 % am Verkaufspreis bekommen, verringern sich zwar ihre Einnahmen, aber das dürfte durch die Masse der Verkäufe wieder wettgemacht werden. Es lohnt sich bei Steam also, ein Spiel auf die Merkliste zu packen und zu warten, bis es im Angebot ist. Die Studios müssen zwar mit weniger Einnahmen pro Spiel rechnen, aber haben auch die Chance, ein Spiel länger zu monetarisieren und so auch Jahre nach der Veröffentlichung noch Einnahmen zu generieren.

Wer ein Spiel sofort spielen will, der zahlt den Vollpreis. Wem ein Spiel nicht so wichtig ist, der wartet ab. Ohne Sales wäre das Spiel mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gekauft worden oder bis dahin schon aus den Regalen verschwunden. Und die Rabatte auf den Konsolen... im Vergleich zu Steam eher ein Witz. Zumindest für die Nintendo Switch kaufe ich meine Spiele noch physisch - 20 % auf alle Spielwaren bei Müller macht die Spiele eigentlich immer günstiger als im eShop.

Der Plan von Valve

Valve ist aber keine gemeinnützige Organisation, die solche Summen aus ideologischen Gründen investiert. Wobei, etwas Ideologie wird auch dabei sein, aber sicher nicht der Hauptgrund. Laut Aussagen von Valve ist ihnen die Abhängigkeit von Windows und damit Microsoft ein Dorn im Auge. Mit der Einführung des Windows Stores und Xbox Game Stores auf Windows ist bei Valve die Sorge aufgekommen, dass Microsoft den Weg von Apple gehen möchte. Ein Store für ihr System zum zentralen und alleinigen Anlaufpunkt für das Beziehen und Verwalten von Software. Also auch Spielen. Klar, derzeit sieht die Realität in Windows komplett anders aus und nur wenige nutzen den Store überhaupt. Aber zumindest zeitweise war ein solcher Weg von Microsoft nicht abwegig.

Wie reduziert man die Abhängigkeit von Windows? Indem man parallel die Möglichkeit aufbaut, seine Spiele auch auf einem anderen Betriebssystem zu spielen und gleichzeitig seinen Shop auf diesem Betriebssystem als Anlaufstelle zu etablieren. Ein erster Versuch mit SteamOS basierend auf einem stark modifizierten Linux hatte bei den Spielern wenig Erfolg. Es legte aber die Grundlage für die Weiterentwicklung von Proton und dem neue SteamOS, basierend auf Arch Linux. Wichtig ist dabei sicher, dass Valve sich der Open-Source-Mentalität angepasst hat und Proton als freie Software unterstützt und veröffentlicht. Damit profitieren nicht nur die SteamOS-Nutzer, sondern alle Linuxnutzer von Valves Bemühungen, was ihnen in der Open-Source-Community einen guten Ruf einbringt.

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SteamDeck Trailer

Und zuletzt veröffentlichte Valve natürlich das Steam Deck. Eine Handheldkonsole für das Gaming unterwegs. Betrieben mit ihrem neuen SteamOS zeigt es, wie weit Gaming unter Linux bereits gekommen ist und wie einfach Gaming sein kann, wenn man nicht auf Windows setzt. Gerade der stärker wachsende Fokus auf Cloud und künstliche Intelligenz bei Windows macht Linux auch abseits der Nerds zu einem System, dass immer mehr Interessenten findet. Wenn auch langsam könnte Valves Plan also aufgehen. Und sollte Microsoft Windows wirklich abriegeln, dann kann Valve quasi über Nacht eine weitestgehend funktionierende Alternative aus dem Hut zaubern.

Rosige Zukunft?

Derzeit ist Valve also eine Art Unternehmen, wie es sich jeder Spieler wünscht. Sie schränken die Spieler so wenig wie möglich ein, sie bieten viele kostenlose Komfortfunktionen und entwickeln mir Proton eine Möglichkeit, dass die Spieler auch auf anderen Plattformen zocken können. Im Gegenzug werfen wir dem Unternehmen viel Geld in den Rachen und haben Valve so im Jahr 2022 einen Umsatz von 13 Milliarden USD beschert. (5) Die Eigentumsverhältnisse und Struktur von Valve ist dabei sehr einfach. Es gibt den CEO Gabe Newell, welcher einer der Mitgründer von Valve ist, und die Entwickler. Diese finden sich projektbezogen zu Teams zusammen und strukturieren sich selbstständig nach Bedarf. Entscheidungen werden mehrheitlich getroffen. Valve ist dabei kein Aktienunternehmen, sondern gehört (vermutlich) nur den beiden Gründern, wobei der größere Anteil bei Gabe Newell vermutet wird. (6)

Damit ist das Unternehmen keinen Aktionären rechenschaftspflichtig und muss nicht von Quartal zu Quartal seine Zahlen steigern. Diese Struktur ist es, die Valve auch langfristige Invetitionen und Pläne wie mit Linux und Proton erlaubt. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es Valve, dass sie experimentieren und sich selbst neu definieren und finden können. Und anscheinend lässt es genug Eigenverantwortung im Unternehmen zu, dass weder Führung noch Mitarbeiter sich unnötig auf viele Projekte stürzen und damit das Unternehmen aufblähen müssen, nur um die Zahlen zu steigern.

Gabe Newell sitzt im weißen Hemd an einem Tisch. Er hat lange graue Haare, einen vollen grauen Bart und trägt eine sprotliche Brille.
Gabe Newell / by GamesRadar

Das ist sicher auch zu großen Teilen ein Verdienst von Gabe Newell, der diese Strukturen eingeführt und gefördert hat. Klar, der Mann ist reich genug, laut Wikipedia beträgt sein Vermögen 5,5 Milliarden USD, und anscheinend widersteht er dem Drang, immer mehr zu wollen. Aber Gabe Newell ist inzwischen 62 Jahre alt und, zumindest wenn ich mir die Bilder von ihm anschaue, auch nicht gerade in bester körperlicher Verfassung. Immerhin scheint er deutlich abgenommen zu haben. Aber wir kennen seine Pläne für Valve nicht, sollte er in Rente gehen wollen oder versterben. Was kommt dann? Werden seine Erben das Unternehmen an Investoren verkaufen, die es auf maximalen Profit umbauen? Übergibt er es an die Mitarbeiter, in der Hoffnung, dass diese die Philosophie von ihm weiterführen? Oder kommt eine neue Führungsfigur im Geiste von Gabe Newell?

Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Aktuell sind Steam und Valve eine der wenigen guten Konstanten im Gamingbusiness. Klar, Steam könnte mal modernisiert werden. Manche Funktionen sind auch einfach nicht gut, wie der Chat. Hier hätte Steam die Chance gehabt, eine Alternative zu Discord aufzubauen. Aber trotzdem: Ich kaufe und verwalte meine Spiele gerne mit Steam und freue mich, dass es noch Unternehmen gibt, die ihre Kunden im Fokus haben, nicht nur den kurzfristigen Gewinn. Wird das so bleiben? Ich hoffe es, aber habe Angst vor dem Ende der Ära Gabe Newell. Bis dahin bleibe ich Steam treu. Die Alternative? Es gibt keine.

Quellen

Warte... hier ist noch mehr!